Gemeinsam gegen Rassismus

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Aus Stadt und Kreis

Geislinger feiern bunte Stadt

Kundgebung Rund 400 Menschen setzen am Samstagmittag in der Fußgängerzone ein Zeichen gegen Rassismus und für ein friedliches Zusammenleben.

Von Kathrin Bulling, Geislinger Zeitung, 08.10.2018

 

 

Mit bunten Luftballons, Regenbogenfahnen sowie hier und da ein paar Plakaten, die „Herz statt Hetze“ und „Bunt statt braun“ forderten, haben zahlreiche Menschen am Samstagmittag in der Geislinger Fußgängerzone Stellung gegen Gewalt und Rassismus bezogen. In diesen Zeiten sei es wichtig, Flagge zu zeigen, meinte ein junger Türkheimer. Seine Begleiter Alice Riethmüller und Nico Rapp aus Geislingen stimmten ihm zu. „Für die Vielfalt sollte man sich immer aussprechen“, sagte Alice Riethmüller.


Die Veranstalter – ein Bündnis aus mehr als 20 Vereinen, Einrichtungen, religiösen und politischen Gruppen in Geislingen – hatten vor dem Alten Rathaus eine Bühne für die Redner und Musiker aufgebaut, um die sich ab 11 Uhr die Menschen scharten.


„Wir treten friedlich und entschlossen ein für eine offene und solidarische Gesellschaft. Für Rassismus ist hier kein Platz“, sagte Sevgi Aslanboga, die Vorsitzende des Sport- und Kulturvereins Genclik, der das Bündnis mit initiiert hat. Sie freute sich sehr, dass sich „nach einer kurzen Verstummungsphase“ so viele dem Bündnis angeschlossen hatten – „vielleicht war es zuerst die Angst: Was passiert da gerade in unserem Vorzeigestädtchen, in dem die Menschen doch friedlich zusammenleben?“, mutmaßte sie.


Aslanboga bezog sich auf die beiden mutmaßlichen Brandanschläge der vergangenen Wochen, die den Auslöser für die Kundgebung bildeten: Eine 32-Jährige hat gestanden, einen türkischen Supermarkt in Geislingen sowie eine Asylunterkunft in Bad Überkingen angezündet zu haben; die Polizei geht von einem fremdenfeindlichen Motiv aus (wir berichteten).


Gegen diese Taten, die sich gegen Migranten ebenso wie gegen Geflüchtete richteten, gelte es ein Zeichen zu setzen, betonte Wolfgang Nordmann, der Vorsitzende des Geislinger Arbeitskreises Asyl: „Wir wollen Freundlichkeit zeigen, denn einander helfen verbindet.“ Dass sich in Geislingen „ein ganz breites Bündnis“ entwickelt habe, sei eine sehr schöne Sache, meinte der ehemalige evangelische Pfarrer, der festhielt: „Unser Land ist ein bunter, demokratischer, pluraler Rechtsstaat – und es ist und bleibt ein Einwanderungsland.“ Nordmann kritisierte die Politik harsch, die den Banken Geld hinterherwerfe und sich, Stichwort Dieselskandal, von Konzernen am Nasenring führen lasse. Europa gehe, was die Flüchtlinge im Mittelmeer betreffe, über Leichen, sagte er bitter. Die Entwicklung vieler Dinge mache auch ihn sauer, und Kritik zu üben sei erlaubt – „aber man wendet sich jetzt zu den Unanständigen, und das darf nicht sein“. Er appellierte an alle, den Kontakt zu Protestwählern zu suchen („Um sie geht es“) und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. In der Verantwortung der Politiker liege es, das gesellschaftliche Klima dringend wieder zu zivilisieren.


Auch Moderator Thomas Reiff vom SPD-Ortsverein Geislingen kritisierte das gesellschaftliche Klima, das es Rechtsradikalen ermögliche, ihren Hass auszuleben. In Geislingen und Umgebung lebten Menschen aus fast 100 Ländern friedlich zusammen, die meisten nähmen aufeinander Rücksicht. „Für diese kulturelle Vielfalt und ein gutes Zusammenleben demonstrieren wir heute“, betonte er.


Martin Purschke, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Göppingen-Geislingen, forderte den Staat auf, nicht auf dem rechten Auge wegzusehen, sondern massiv einzuschreiten, wenn Mobs mit Hitlergruß durch die Straßen zögen. Die ungleiche Verteilung im eigentlich reichen Deutschland mit Altersarmut, Niedriglöhnen und zu hohen Mietpreisen stifte Unfrieden, warf er der Politik vor. Seine Botschaft bellte er klar und deutlich ins Mikrofon: „Gewalt, Hass und rechtsradikale Parolen haben weder in Geislingen noch anderswo was verloren. Unsere in Jahrzehnten aufgebaute gute Kultur des Miteinanders lassen wir uns nicht kaputt machen.“


Leiser, wenn auch nicht weniger eindringlich war der Appell des Geislinger Oberbürgermeisters Frank Dehmer an die Teilnehmer, „gemeinsam für etwas zu sein – nicht gegen etwas: Für eine bunte Gesellschaft mit all ihren Herausforderungen, die das bedeutet, aber auch all ihren Chancen, die sie bietet“. Dehmer wünschte sich, dass es gelinge, in der Stadt das Wir-Sein zu leben. Die Anschläge in Geislingen und Bad Überkingen verurteilte er aufs Schärfste: „Wir brauchen keine extremistische Szene – weder rechts, links, noch religiös orientiert.“ Dafür erntete er viel Applaus.


Gut anderthalb Stunden lang dauerte die Kundgebung bei strahlendem Sonnenschein. Zwischen den Redebeiträgen spielte die extra für diesen Tag zusammengewürfelte Band mit Werner Dannemann, Andy Kemmer, Thomas Göhringer und Wolfgang Schiller „Blues gegen Rechts“, wie Dannemann es nannte.


Tahmineh Oraki, die aus ihrer Heimat Iran geflüchtet ist und nun in Bad Überkingen lebt, spielte auf der Rahmentrommel und sang ein persisches Lied über den Frieden. Niemand wolle sein Heimatland verlassen, außer der Druck werde so groß, dass einem nichts anderes übrig bleibe, sagte sie. In Deutschland habe sie gelernt, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft gut zusammenleben könnten. „Wir sollten uns alle auf das eine Ziel zubewegen: den Frieden.“

 
 

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